„What We Left Behind: Looking Back at Star Trek Deep Space Nine“ – Kritik zur DS9-Dokumentation

„What We Left Behind: Looking Back at Star Trek Deep Space Nine“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2019, in dem ehemalige DS9-Darsteller und -Produzenten noch einmal zusammenkommen, um auf die bis heute anspruchsvollste Star Trek-Serie zurückzublicken. Die durch Crowdfunding finanzierte Dokumentation ist mittlerweile kostenlos auf Youtube mit englischen Untertiteln erhältlich. Zeit für eine Kritik der DS9-Doku „What We Left Behind“.

(Hinweis: Mittlerweile hat der Rechteinhaber das Video für Deutschland wieder gesperrt. Aarg.)

Es ist nicht Sisko-Darsteller Avery Brooks, der da aus der Dunkelheit tritt. Nicht Nana Visitor oder René Auberjonois. Selbst damalige Zuschauer werden einen Moment zögern. Sich fragen, wer da gerade ein Loblied auf Star Trek: Deep Space Nine einstimmt. Ein ehemaliger Produzent vielleicht? Doch dann zünden die eingerosteten Synapsen, beginnen, sich an liebgewonnene Charaktere zu erinnern. Die markante Mundpartie, diese Stimme … Rom! Oder besser gesagt: Max Grodénchik, Darsteller des ebenso anständigen wie untypischen Ferengi.

Der zweite Mime, der in „What We Left Behind“ erscheint, entspringt ebenfalls nicht dem Hauptcast. Trotzdem avancierte der von Andrew J. Robinson verkörperte Garak zum absoluten Fanliebling. Sein verschmitztes Grinsen hat nach all den Jahren nicht an Wiedererkennungswert verloren, ruft auch ohne Make-up ein Füllhorn guter Erinnerungen herbei. An Episoden wie „Im fahlen Mondlicht“ oder „Der geheimnisvolle Garak“. Damals, als Nebenfiguren noch Raum bekamen und Schurken mehr waren als dumpfe Bösewichte.

Kritik zur DS9-Doku What We Left Behind: Facettenreich wie die Serie selbst

Natürlich widmet sich „What We Left Behind: Looking Back at Star Trek Deep Space Nine“ in den folgenden zwei Stunden auch den Hauptdarstellern. Avery Brooks etwa (der sich nicht mal aktiv an der Doku beteiligte) und die bis heute enge Beziehung zu Cirroc Lofton, dem Darsteller seines Seriensohns. Doch der Rückblick würde dem Serienkonzept nicht hinreichend Rechnung tragen, böte er nicht auch den zahllosen Nebendarstellern Raum. Wer die dritte Staffel von Star Trek: Discovery hinter sich hat, dürfte sich gar verwundert die Augen reiben. Sich fragen, warum Nebenfiguren ausgerechnet im Zeitalter des seriellen Erzählens zu Stichwortgebern verkommen.

Man mag es heute seltsam finden. Aber Fans rümpften bei Deep Space Nine zunächst die Nase. Langweilig sei die Show, eigentlich eine Soap-Opera. Doch wie Showrunner Ira Steven Behr bekundet, hatte er nie ein Problem mit solchen Stimmen. Dass nicht jeder mit einer vermeintlich statischen Raumbasis etwas würde anfangen können, sei ihm von Beginn an klar gewesen. Dann kommen dieselben Fans, die sich an ihre damalige Skepsis erinnern, in der Doku erneut zu Wort. Um die komplexen Geschichten zu loben und die vielschichten Charaktere. Behrs Experimentierfreudigkeit sollte sich auszahlen. In all dem Lob schwingt auch Bedauern mit. Bedauern darüber, dass die Show zwischen Star Trek: The Next Generation und Voyager nie die verdiente Aufmerksamkeit erhielt. So wurde, wie der Zuschauer erfährt, Michael Dorn für die vierte Staffel nur verpflichtet, um vom Glanz der Schwesterserie zu profitieren.

Starke Frauen, schwarze Schlüsselfiguren und Konflikte keine Erfindung von Alex Kurtzman

Ohne Frage: Star Trek: Deep Space Nine war seiner Zeit voraus, nicht zuletzt bei der Darstellung von Frauen. Nana Visitor und Terry Farrell erinnern sich nur allzu gern an ihre Rollen. An die hochgebildete, sich die Erfahrungen mehrerer Leben zunutze machende Jadzia Dax. Und an die unter Besatzern aufgewachsene Kira Nerys, die Despoten wie Gul Dukat clever in Schach hielt. Der Dokumentarfilm torpediert den Zuschauer an solchen Stellen keineswegs mit Eigenlob; zum Beleg lässt er immer wieder Fans zu Wort kommen. In dem Fall berichten weibliche Zuschauer von der Identifikationskraft, die bis heute von den Frauenfiguren ausgeht. Serienschöpfer, die sich dieser Tage für ihre „starken Frauen“ auf die Schulter klopfen, das Erfinden der Vielfalt für sich beanspruchen, entlarvt „What We Left Behind“ indirekt als Schaumschläger.

Der Film ruft dem Zuschauer Episoden wie „Jenseits der Sterne“ ins Gedächtnis, um an DS9s Beitrag für den Antirassismus zu erinnern. „Hat es damals so nicht gegeben“, behauptet die Moderation eines Specials über 90er-Jahre-Serien mit schwarzen Identifikationsfiguren. Behr lassen solche Thesen zusammenzucken, denn noch immer geht Deep Space Nine in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Dabei sah DS9 die gesellschaftliche Spaltung, wie sie heute unermüdlich beklagt wird, mit geradezu prophetischer Präzision voraus. Zu den in „Gefangen in der Vergangenheit“ gezeichneten Verwerfungen, die in den 2020ern stattfinden sollten, ist es tatsächlich nicht mehr weit.

Trotz alledem geht Showrunner Ira Steven Behr mit sich ins Gericht, will sich nicht als Vordenker feiern lassen. Warum? Weil er bei der Darstellung sexueller Vielfalt, trotz aller guten Ansätze, mehr hätte machen können. Es sogar müssen. Garaks Homosexualität habe man sich nie getraut auszusprechen. Auch mit einem vom Studio verhängten Verbot lasse sich das nicht entschuldigen: Um eine Abfuhr zu kassieren, hätte Behr überhaupt erst um Erlaubnis fragen müssen.

DS9-Doku What We Left Behind: Achte Deep Space Nine-Staffel 20 Jahre später

Was den Dokumentarfilm besonders interessant macht, sind die Sitzungen des ehemaligen Autorenstabes. Im Laufe von „What We Left Behind“ treiben sie die Ereignisse einer möglichen achten Staffel schrittweise voran. 20 Jahre nach dem Serienfinale „Das, was du zurücklässt“ würden alle Figuren noch mal zusammenkommen und sich neuem Ungemach entgegenstellen, mitunter sogar Teil dieses Unheils sein. Alles beginnt mit einem Angriff auf die U.S.S. Defiant, auf der Nog mittlerweile das Kommando innehat. Alleine die Zeichnungen, mit denen der Dokumentarfilm die Geschichte veranschaulicht, lassen das Fan-Herz höher schlagen. Umso bedauerlicher, dass Nog-Darsteller Aaron Eisenberg – wie übrigens auch René Auberjonois (Odo) – nicht mehr unter den Lebenden weilt. Eine echte Fortsetzung scheint in weite Ferne gerückt.

Nach „What We Left Behind“ möchte man vor allem eins: Deep Space Nine noch mal durchsuchten, sich selbst ein Bild davon machen, wie gut die Serie gealtert ist. „Schaut DS9“, lautet auch die Empfehlung der Produzenten. „Binge Watching“ sei noch nie einfacher gewesen. Schade nur, dass das 90er-Jahre-Glanzlicht im SD-Zeitalter hängen geblieben ist. In voller Bildgewalt präsentiert sich Deep Space Nine nur im Rahmen des Dokumentarfilms, für den man Szenen und Effekte eigens „remastered“ hat.

Doch wer weiß: Vielleicht überwindet sich CBS eines Tages zu einer HD-Überarbeitung, wie sie die Serie zweifellos verdient. Notfalls werden es Künstliche Intelligenzen richten müssen.

Übrigens: 455 Films, das Team hinter „What We Left Behind“, arbeitet gerade an einer Voyager-Doku. Eine Crowdfunding-Kampagne ist für den 1. März geplant.

Zusätliche Bildnachweise: What We Left Behind Productions, 445 Films

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