Kritik zu Star Trek: Discovery 2×10: The Red Angel [Massive Spoiler]

Vor The Red Angel, der großen Enthüllungsfolge, haben die Autoren von Star Trek: Discovery offenbar ihre Drogenvorräte aufgefrischt. So fühlt sich die Folge zumindest an. Trivial, orientierungslos und mit einer nicht ganz so bösen Überraschung. Wie ein schlechter Trip eben. Mein Review zur Star Trek: Discovery-Folge „The Red Angel“.

In „The Red Angel“ hat die Crew der Discovery Großes vor. Zusammen mit Sektion 31, die neuerdings wieder zu den Guten zählt, schmiedet man Pläne zur Gefangennahme des titelgebenden Engels. Bis es so weit ist, arbeiten die Produzenten überraschenderweise die Ereignisse der letzten Episode auf.

Der Schock um Airians Tod sitzt nämlich noch tief. Wir erinnern uns: Die Roboterdame, die man bisher nur als Statistin erleben durfte, wurde in der letzten Folge zur Schiffsikone umgeschrieben, nur um sich ihrer in einem Anfall von Gefühlsduselei zu entledigen. Gefühlsbesoffen ist auch die Eröffnungsszene. Wir erleben eine erneut zu Tränen gerührte Burnham, einen nur berufsmäßig trauernden Captain und einen singenden Saru.

Auch übrigens: Der Rote Engel nutzt unser Zeug

Anschließend kommen alle zum Trösten. Der zu Unrecht des Verrats beschuldigte Tyler stößt dabei auf Granit. Burnham nimmt es ihm immer noch übel, dass er mit Sektion 31 in der Grauzone agiert. Kurioserweise kommt sie mit Imperatorin Georgiou, die mal eben mit Captain Leland rüberschneit, gut zurecht. Burnham hat wohl ein Faible für die Massenmörderin, die mehr Tote als Hitler und Stalin auf dem Gewissen hat. Alles ist vergeben und vergessen. Liegt vermutlich an der feschen Nietenjacke und dem freundlichen Gesicht.

Jetzt, da man die KI bezwungen glaubt, ziehen die Sternenflotte und die ehemalige Geheimorganisation wieder an einem Strang. Sektion 31 holt direkt den Hammer raus: Der Anzug des Roten Engels ist deren eigene Entwicklung. Er macht irgendwas mit Wurmlöchern und benötigt einen Zeitkristall, den man in Staffel 1 schon im interplanetaren Baumarkt kaufen konnte. 20 Jahre sei der Versuch nun her. Hat nur nie funktioniert, dachte man.

Figuren aus dem Papierkorb der Konkurrenz

Burnham vermutet dahinter mehr und sucht, ermutigt durch ihre neue Mentorin Adolphiou, die Konfrontation mit Leland. Der gesteht reumütig: Burnhams Eltern haben den Anzug damals für ihn entwickelt. Das sei auch der Grund, warum die Klingonen damals ihre Eltern heimsuchten. Nicht Michael Burnham hat deren Tod zu verantworten, sondern er, Captain Leland selbst. Mehr oder weniger zumindest. Burnham übermannen ihre Gefühle. Die Augen aufgerissen, die Stirn kraus gezogen … zack. Schon liegt Captain Leland mit gebrochener Nase am Boden.

Spock spricht ihr im Anschluss noch unbeholfen Mut zu. „Schade, dass ich nicht sehen konnte, wie Captain Leland zu Boden gegangen ist.“ Highly emotional …

Noch sehr viel bekloppter ist ein Dialog zwischen Georgiou und Stamets in Anwesenheit Culbers. Der muss die Imperatorin genervt daran erinnern, dass Stamets mit der Damenwelt nichts anzufangen weiß. Sinngemäß sagt sie dann etwas, das man durchaus schwulenfeindlich interpretieren kann. Bei ihr habe es jeder mit jedem getrieben, vor allem mit ihr, der Sexgöttin schlechthin. So was ist natürlich Wasser auf den Mühlen erzkonservativer Fanatiker, die Homosexualität für eine behandelbare Krankheit halten. Homosexuelle müssten doch nur mal ordentlich … lassen wir das. Intention der Autoren dürfte sicher eine andere gewesen sein. Jemand aus dem Reigen der „starken Frauen“ sollte wieder gegen Männer schießen.

Die Kreuzigung der Michael Burnham

Der größte Teil der Folge dreht sich um die Gefangennahme des Roten Engels. Hipster-Spock will Michael Burnham dabei als wiederkehrende Variable entdeckt haben. Dazu passend hat Saru Michael Burnhams Biosignatur als die des Engels in Airians Speicher ausgelesen. Fälschungssicher, wie er betont. Was man darauf geben kann, wissen wir noch vom letzten Mal. Die angeblich unverrückbare Aufnahme um Spocks Ausbruch entlarvte sich als ziemlich banale Attrappe.

Trotzdem lautet die Annahme, dass Michael Burnham irgendwann in der Zukunft immer dann durch die Zeit reist, wenn ihr jüngeres Ich gerade bei Petrus anklopft. Sozusagen ein Großvaterparadoxon. Wer den Roten Engel fangen will, muss also einfach nur Michael Burnham sterben lassen. Das ist genauso unlogisch, wie es klingt. Trotzdem opfert sich Burnham bereitwillig, ohne dass es groß hinterfragt würde. Passenderweise gibt es in der Nähe einen Außenposten mit toxischer Atmosphäre und so viel Energie, dass man den Engel einschließen kann.

Und das ist schon ziemlich krass. Tausendsassa Burnham, der sich vorher noch aller Lebewesen Sünden auflädt, geht erhobenden Hauptes in den Erstickungstod. Sie erleidet dabei wahrhaft Höllenqualen. Ersticken ist schon ziemlich übel, wie man sich vorstellen kann. Die giftige Atmosphäre brennt ihr obendrein das Gesicht weg. Solche Grausamkeit kennt man aus den Evangelien der Bibel. Man hätte Burnham auch einfach erschießen können, statt sie qualvoll zu kreuzigen.

Natürlich kommt der Engel erst im letzten Moment, als Burnham wirklich nicht mehr zu retten scheint. Die Crew wollte Burnham längst geholfen haben, hätte sich Spock, das gebietet die Logik, ihr nicht mit einem Phaser in den Weg gestellt.

Der Rote Engel, der es als Zeitreisender eigentlich besser wissen müsste, lässt sich erwartungsgemäß linken. Er nutzt einen magischen Strahl zur Wiederauferstehung Burnhams. Dabei verliert er wie geplant sein Wurmloch und kommt unters Kraftfeld. Nun erleben wir tatsächlich eine Überraschung: Es ist gar nicht Michael Burnham. „Mom“, sagt Michael, die Stirn kraus gezogen, die Augen aufgerissen.

Auch im Detail hapert`s

Technisch betrachtet hatte das erneut Kinoniveau. Besonders eindrucksvoll war die Beerdigung, für die man extra wieder den Boden der Shuttlerampe versenkte. Wenn doch nur nicht immer alles durch Lensflares überschatten würde. Die beiden Schiffe, die U.S.S. Discovery und die Gurke der Sektion 31, machten sich im Orbit hervorragend. Unwillkürlich stellt sich aber die Frage, wo das ganze Licht herkommt. Soll das so sein? Ist da beim Rendern vielleicht was kaputtgegangen?

Inhaltlich konnte man die Folge komplett vergessen. Neben den bereits geschilderten und kommentierten Gegebenheiten blieb mir noch ein Dialog zwischen Dr. Culber und Admiral Cornwell im Gedächtnis. Damit sie auch was sagen durfte, erfahren wir beiläufig, dass sie ursprünglich als Psychologin unterwegs war. Der depressive Culber macht also eigentlich nichts falsch, wenn er ihr seine Identitätskrise schildert. Der Knackpunkt liegt im Eigentlich. Mehr als Küchenpsychologie kam beim Gespräch nicht rum. Sie hätte ihm genauso gut den Klassiker „Gehen Sie mal an die frische Luft“ reindrücken können. Wenn Culber nächstes Mal tot überm Zaun hängt, wissen wir, warum.

Sektion 31 zählt nun wieder mehr oder weniger zu den Guten. Das ist mir ein bisschen billig. Man muss die Imperatorin nicht um jeden Preis in die Folgen schreiben. Vor allem missfällt mir der immer kritikloser werdende Umgang mit der Dikatorin. Wenigstens war der Sektion-31-Plot noch für etwas Spannung gut. Leland bekommt, während er für einen Retina-Scan in eine Art Periskop guckt, ein Akte-X-Stilett ins Auge und bleibt, möglicherweise tot, liegen. Die KI hatte wohl doch noch was zu melden.

Dass Burnham nun doch nicht im Anzug des Roten Engels steckt, ist fast erfrischend. Mit ihrer totgeglaubten Mutter als Engel wird sich an der bisherigen Ausrichtung aber nichts ändern. Michael ist und bleibt der Fixstern dieser unterdurchschnittlich geschriebenen Serie. Jetzt ist sie halt noch Mitglied einer übermenschlichen Sippe. Sie Spock als Stiefschwester anzudichten, war schon gewagt. Nun haben wir noch eine Mutter mit Marvel-Anzug. Bleibt zu hoffen, dass Mr. Burnham nicht auch noch mit irgendeiner Superkraft hinter dem nächsten Stern lauert.

Fazit

Bei den Dialogen und der Logik haben sich die Autoren abermals verzettelt. Auch der erneute Fokus auf Burnhams Gefühlsausbrüche nervt. Wenn das so weitergeht, wird aus der Figur noch ein weiblicher Jesus Christus. Es ist zwar löblich, dass unter dem Anzug doch jemand anderes steckt. Wirklich bahnbrechen ist die Enthüllung allerdings nicht. Weitere Konflikte aus dem Leben Michaels sind damit vorprogrammiert.

Es ist zudem ein Unding, dass es ausgerechnet den Machern einer Star Trek-Serie immer noch am nötigsten Handwerkszeug mangelt. Früher gab es wenigstens eine gewisse Pseudowissenschaftlichkeit. Heute haben wir Wunderwaffen und Küchenpsychologie, so weit das Auge reicht.

Wie wäre es mal mit einem wissenschaftlichen Berater? Der Plot eiert so schon vor sich hin. Stimmige Details würden das Ganze wenigstens etwas abrunden.

Zusätzliche Bildnachweise: CBS/ Netflix

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