Nach Short Trek, Comic und Interview: Kann man sich eigentlich noch auf Star Trek: Picard freuen?

Alex Kurtzmans Mitwirken an Star Trek: Picard werten nicht wenige als Menetekel für den endgültigen Niedergang des Franchise. Auch ich, als Riesenfan des ehemaligen Captains der Enterprise, muss gestehen, nicht frei von Sorge zu sein. Der kürzlich veröffentlichte „Short Trek“ machte es nicht besser.

Die Short Treks sind ja im Prinzip nur lästige Anhängsel von Star Trek: Discovery, denen eine Laufzeit von wenigen Minuten ausreicht, um mindestens so viel Schaden wie die Hauptserie anzurichten. Neulich erst kam eine animierte Version dabei heraus, die davon handelt, wie sich zwei Kuscheltiere auf der Enterprise fetzen. Ereignisse der Originalserie, im zeitlich falschen Kontext im Hintergrund abgespult, dienen den Streithähnen als Kulisse.

Zuvor schrieben die Autoren besagtes Original noch plump um. Tribbles stammen demnach nicht mehr von einem Planeten voller Raubtiere, die ihre Population auf ein klimafreundliches Niveau deckeln. Tribbles sind von Natur aus nicht länger gebärfreudig! Die Eigenschaft erhalten sie laut Kurtzman erst kurz vor den Ereignissen der Originalserie infolge genetischer Experimente eines in den Wahnsinn gemobbten Crewmitgliedes. Zum Kalben braucht es nicht mal mehr Nahrung. Kurtzman erhob die Reproduktionsfähigkeit der Tribbles zur nächsten Superkraft.

Der Short Trek fungierte gleichzeitig als Lehrstück für Drehbuch gewordener Menschenhass. So gab der weibliche, vielleicht 30 Jahre alte Captain ihrem mittelalten Untergebenen unumwunden zu verstehen, dass sie ihn scheiße findet und nur erwünscht sei, wer im Gleichklang singt. Am Ende zeigt sie sich gar erleichtert über dessen Ableben. Man stelle sich vor, Picard hätte damals Reginald Barclay vergleichbar abserviert. Als Crewmitglieder eine Litanei an Beschwerden vortrugen, wollte Jean-Luc jedoch nichts von Versetzungsforderungen wissen: Mr. Barclay sei wie jeder andere Teil der Besatzung.

Alles sieht wie Discovery aus

Vermutlich war es naiv von mir zu glauben, dass sich mit dem Short Trek zu Picard Besserung einstellt. Gleichwohl verband ich mit ihm eine gewisse Hoffnung. Leider stolperte die Mini-Episode genauso belanglos und abstrus wie die vorherigen durch die Tür – eine Mogelpackung war’s obendrein. Picard taucht dort nämlich gar nicht auf. Nur am Ende erscheint kurz sein Konterfei auf einem Display. Bis dahin hätte man nicht mal erahnen können, dass der Short Trek im 24. Jahrhundert spielen soll. Alles sah exakt so aus wie in Star Trek: Discovery.

In der Eröffnungsszene gewährt uns der Short Trek einen Blick auf die Utopia Planitia Werften im Marsorbit. Kurioserweise sieht man dort dasselbe Werftmodell wie schon in der Prequelserie, chronologisch 150 Jahre in der Vergangenheit angesiedelt. Den gleichen Unsinn hat Kurtzmans Team bei den Raumschiffen verzapft. Die beiden hässlichen Untertassen beteiligten sich als Magee-Klasse schon an der Schlacht vom Doppelstern; die zwei Schlepper zogen eine Staffel später Pikes angeschlagene Enterprise vom Platz. In Star Trek: The Next Generation und Deep Space Nine tauchten zwar auch noch Schiffe der Excelsior- und Miranda-Klasse auf. Die im Short Trek recycelten Schiffe wären inzwischen aber fast doppelt so alt. Außerdem kamen sie nach STD nie wieder zum Einsatz, warum also ausgerechnet jetzt, 130 Jahre später? Und dann gleich so zahlreich? Die Modellbauer nahmen sich nicht mal Zeit, die keilförmigen TNG-Versionen der Workbees nachzubauen.

Kein Budget für Sets und Modelle?

Das „Schulbus“-Shuttle basierte ebenfalls auf einem Modell aus Star Trek: Discovery. Schulbus? Wer hier die Stirn kraus zieht, kennt vermutlich die dünne Handlung noch nicht: Zwei Mädels in Schuluniform haben Teeniezoff, man erfährt im Vorbeilaufen, dass deren Eltern auf dem Mars arbeiten und als dieser, wie ein News-Channel displayweit berichtet, von ominösen Synths angegriffen wird, geht man Händchen haltend vom Spielfeld. An der Stelle wird auch Admiral Picard eingeblendet: als aus dem Countdown-Comic übernommene Zeichnung. „Admiral Picard reacts: devastating“ steht in der Bauchbinde. Fehlte nur noch der Hashtag.

Die Geschichte spielt in einem stinknormalen Gebäude, das im echten Leben eine Bücherei sein muss. An den Wänden hängen sogar Kabelkanäle, Bewegungsmelder und die Notausgangsbeleuchtung. Außerdem spielt sich eine Prügelszene vor Spinden mit mechanischen Vorhängeschlössern ab. Dass wir uns nicht mehr im Jahr 1960 befinden, erkennt der Zuschauer nur an den holografischen Displays. Doch nicht mal das ist gut überlegt. Warum verbrennen wir im Jahr 2020 zwecks guter Kontraste eigentlich ein Heidengeld für IPS-Displays, wenn im 24. Jahrhundert halbtransparente Bildschirme der neue Trend sind? Vermutlich, weil man Mühe hat, überhaupt etwas darauf zu erkennen … Man bedient die Holo-Schirme natürlich ermüdungsfrei auf Schulterhöhe mit ausgestreckten Armen. Karpaltunnelsyndrom, ich hör‘ dich trapsen.

Selbstredend erinnern die Benutzeroberflächen samt Föderationssymbolik frappierend an Star Trek: Discovery. Wiedererkennungswerte, Stichwort LCARS, sind also auch im 24. Jahrhundert unerwünscht.

Heile Welt von The Next Generation existiert nicht mehr

Nicht wirklich einordnen kann ich Patrick Stewarts Ansage zum Ton seiner Serie. In einem Interview stellte er vergangene Woche klar, dass Star Trek: Picard nicht in der heilen Welt von The Next Generation spielt. „Die Welt aus Next Generation existiert nicht länger. Es ist anders. Nichts ist wirklich sicher.“ Da er Vergangenes nicht einfach wiederholen wollte, habe er wegen dieser Neuausrichtung überhaupt erst zugesagt. Star Trek: Picard sei Stewarts Antwort auf eine Welt, in der Brexit und Donald Trump passieren konnten. Übertragen auf die Föderation heißt das: „Vielleicht sind sie nicht so zuverlässig und vertrauenswürdig, wie wir alle dachten.“

Das muss freilich nicht schlecht sein. Star Trek war schließlich mal dafür bekannt, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugegriffen. Deep Space Nine konnte mit seinem düsteren Ton fernab des heilen Föderationsraums sogar richtig auftrumpfen, opferte dabei aber nie die Ideale eines Gene Roddenberry zugunsten neumodischer Schauwerte. Selbst in den „Heile Welt“-Ablegern sollten immer mal wieder Admiräle irrlichtern. Das allerdings nie, ohne deren Handeln ausgedehnt zu hinterfragen. In Extremsituationen kam es sogar vor, dass unsere Helden ihre Moralvorstellungen für den höheren Zweck opfern. Captain Sisko erfand gar einen Grund, um die Romulaner zu einem Kriegseintritt zu bewegen.

Solche Entscheidungen wurden nie aus einer Laune heraus getroffen, sondern waren wohl überlegt und mit zahlreichen Konsequenzen verbunden. Der Weg zur Hölle war stets mit guten Absichten gepflastert. So war auch Captain Sisko längst nicht mehr mit sich im Reinen, als er sich immer tiefer in kriminelle Verstrickungen verlor.

Star Trek: Discovery handhabt das inzwischen anders. Die Charaktere hinterfragen sich dort nicht länger. Michael Burnhams Entscheidungen sind, um mal eines von Angela Merkels Unwörtern zu zitieren, alternativlos und über jeden Zweifel erhaben. Man bricht mit der Utopie, weil die Figuren nicht mehr reflektieren. Und leider Gottes wird Star Trek: Picard weitgehend von denselben Verantwortlichen inszeniert. Darum bricht sich in mir auch Argwohn Bahn, wenn ein von Alex Kurtzman produziertes Star Trek düsterer werden soll. Ich habe durchaus Zweifel, dass der ehemalige Captain der Enterprise die aus dem Ruder gelaufenen Dinge wieder ins Lot bringt.

Wenigstens Comic spiegelt Epoche wider

Im aktuellen Countdown-Comic, der die Vorgeschichte zu Star Trek: Picard erzählt, zeigt sich Jean-Luc immerhin von seiner besten Seite. Die Hintergründe hatte ich in einem anderen Beitrag schon ausgeführt: Als Admiral beaufsichtigt er den Bau einer gewaltigen Flotte, mit der die von einer Supernova bedrohten Romulaner in Sicherheit gebracht werden sollen. Als Picard zu einer entfernten Kolonie aufbricht, stellt er entsetzt fest, dass die Bewohner nur sich selbst evakuiert sehen wollen, nicht aber die zum Ackerbau herangezogenen Ureinwohner. Picard kann das natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Abgesehen davon erscheint mir die Geschichte, nach Sichtung von zwei der drei Teile, recht dünn. Es läuft alles auf eine billige Schiffsübernahmestory hinaus, die im Angesicht der nahenden Katastrophe nur wenig Sinn ergibt. Ob die an Comic und Serie mitwirkende Kirsten Beyer bei den Drehbüchern ein glücklicheres Händchen hatte? Bleibt abzuwarten. Comics darf man natürlich nicht überbewerten, gerade bei Star Trek, wo sie nicht mal zum offiziellen Kanon zählen.

Immerhin ist dem Comic hoch anzurechnen, dass er nicht in die Kurtzman’sche Beliebigkeit abdriftet. Romulaner sehen noch wie Romulaner aus, Utopia Planitia wie in Voyager und die Displays der U.S.S. Verity nach typischen LCARS-Systemen. Auch äußerlich verkörpert das Schiff die dargestellte Epoche. Seltsam nur, dass der im Short Trek angedeutete Marsangriff das keine Sekunde lang widerspiegelt. Zeitlich sollte dessen Handlung kurz nach den Ereignissen des Comics stattfinden. Vermutlich wird die Rettungsflotte noch vor deren Fertigstellung von den Synths vernichtet, die Romulaner können nicht vollständig evakuiert werden und Jean-Luc verliert seinen Glauben an die heile Welt.

Und wieder ein neuer Showrunner

Es hat natürlich auch einen faden Beigeschmack, wenn mit Michael Chabon abermals ein Showrunner eine von Alex Kurtzman produzierte Serie verlässt. Das geschah schon mehrmals bei Star Trek: Discovery und hat der Serie nach meinem Empfinden eher noch geschadet als endlich mal vorangebracht. Jedoch: Chabon zieht von dannen, weil er die Serienumsetzung eines seiner eigenen Bücher betreut. Wenn das mal, ausnahmsweise, kein nachvollziehbarer Grund ist.

Terry Matalas, bekannt als Showrunner der Serienadaption von 12 Monkeys, hat sich als Nachfolger für Staffel 2 in Stellung gebracht. Vor Jahren verdiente er seine Brötchen als Produktionsassistent der späteren Staffeln von Star Trek: Voyager sowie allen vier von Star Trek: Enterprise. Letzterem steuerte er die Drehbücher zu „Kriegslist/Stratagem“ und „Impulsiv/Impulse“ bei. Matalas ist also mit der Materie vertraut und hat, ganz im Gegensatz zu Alex Kurtzman, eine Serie mit Niveau vorzuweisen. Diese Tatsache lässt mich direkt wieder hoffen. Wenn ich dann allerdings lese, dass Matalas auch das MacGyver-Reboot verbrochen hat …

Damit bleibt Star Trek: Picard bis zuletzt, Amazon-Release ist der 24. Januar, ein einziges Wechselbad der Gefühle.

Zusätzliche Bildnachweise: IDW Publishing, CBS

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