Another Life mit Katee Sackhoff: Kritik zur Netflix-Serie mit mittelgroßen Spoilern

Als ein unbekanntes Flugobjekt in den Vereinigten Staaten landet und sich zu einer Art Turm morpht, steht die Menschheit kopf. Was hat das Signal zu bedeuten, das der Turm ins All strahl? Und noch viel wichtiger: Wann steigen die Aliens endlich aus ihrem Refugium? Kurzerhand schickt die Regierung die Wissenschaftlerin Niko Breckenridge, gespielt von Katee Sackhoff, ins All. Sie soll mit einer wild zusammengeworfenen Mannschaft den Zielort des Signals anfliegen. Unterdessen befassen sich Wissenschaftler auf der Erde mit dem gelandeten Objekt. Meine Kritik zu Staffel 1 von Another Life.

Was ist heute schon neu? Wenn Serien bekannte Figuren und Parteien ausschlachten und sich himmelschreiende Ähnlichkeiten mit einem Videospiel auftun, mag die Antwort leicht fallen. Streng genommen haben aber auch vielgelobte Shows wie The Expanse das Rad nicht neu erfunden. Eine überbevölkerte Welt, Armut, korrupte Politiker und Tore zu weit entfernten Sektoren des Alls … Aufgegriffen haben diese Themen schon andere. Mitreißen tut einen die Serie trotzdem, weil sie einzelne Versatzstücke zu etwas völlig Neuem verarbeitet. Weil sich die Welt so echt anfühlt. Und weil The Expanse glaubwürdige, mit den Herausforderungen wachsende und nicht auf alles eine Antwort wissende Charaktere aufbietet. Solche Figuren ziehen Zuschauer in den Bann.

Auch bei Another Life finden sich viele Versatzstücke aus der klassischen Science-Fiction, was für sich genommen keine schlechte Serie macht. Doch im Falle der Netflix-Show müffeln sie nach alten Socken. Da ist zum Beispiel der nur noch die zweite Geige spielende Commander, der damit hadert, dass die taffe Niko Breckenridge auf ausdrücklichen Wunsch der Herrschenden das Kommando innehat. Ian Yerxa trieft so dermaßen vor toxischer Männlichkeit, dass man sich als Zuschauer nur wundern kann. Was qualifiziert diesen Gockel bitte für eine Führungsrolle? Nach mehreren extrem irrationalen, sich stets als falsch herausstellenden Entscheidungen, darunter eine Meuterei, die ihm keiner wirklich krummnimmt, versucht er Niko hinterrücks im Maschinenraum zu ermorden. Geistesgegenwärtig tritt sie ihn davon, doch genau in dem Moment tun sich hochenergetische Blitze auf. Ian stütz hinein und das war’s mit seiner toxischen Männlichkeit. Statt Testosteron tropft ihm nur noch Bratensaft von den verschmorten Haarspitzen.

Aufs Flaggschiff kommt offenbar jeder

Toxische weiße Männer sterben wohl nie aus. Und natürlich stinken die auch noch zehn Meter gegen den Wind.

Niko erzählt nun jedem, dass sie ihren ersten Offizier ermordet hätte. Nicht aus Notwehr oder weil es ein Unfall war. Das spart die Kommandantin lieber aus, damit die Besatzung sie als starke Anführerin wahrnimmt. Nötig hätte sie den Schwindel nicht. Ihre Crew würde, so unorganisiert sich die Truppe präsentiert, immer dem mit dem Ghettoblaster folgen. Im Zweifel auch Räuber Hotzenplotz. Die Mehrheit ist keine 30 und kommt schon geschniegelt aus der Kältekammer. Als wäre es die erste Weltraummission überhaupt und es hätte sonst keiner kurzfristig mitmachen wollen. Dabei ist die Menschheit in Another Life längst zur Raumfahrtnation aufgestiegen. Personal sollte vor dem Hintergrund reichlich ausgebildet worden sein.

Dass der Sohn des Verteidigungsministers, der für den Erstkontakt zuständige Diplomat mit Verbindungen, nur einen Schnellkurs absolviert hat, kauft man der Serie ab. Beim Rest der Crew rätselt man lange nach den Gründen für ihre Rekrutierung. Die Truppe wirkt mehrheitlich wie spontan bei Muttern abgeholte Let’s-Play-Junkies. Raum für Konflikte bliebe mit einer besser ausgebildeten Crew sicher reichlich, wie andere Serien zu genüge bewiesen haben. Passenderweise gibt man sich lässig in Zivilkleidung die Ehre statt im typischen Science-Fiction-Pölter. Die Sets wirken wenigstens solide und im Gegensatz zur Crew auch realistisch. Würde man mit etwas besseren Mitteln als heute ein echtes Raumschiff zusammenzimmern, sähe das vermutlich ähnlich aus.

Another Life in der Kritik: Tote? Und wenn schon …

Den Zuschauer dürfte es ziemlich kalt lassen, wenn innerhalb der ersten Folgen mehrere Figuren über den Jordan gehen. Stellenweise mutet Another Life dabei wie eine Sparversion von Event Horizon oder Alien an. Alle nach und nach sterben zu lassen ist aber nicht das, wo die Serie hinwill. Es dauert durch das blutige Vorspiel auch viel zu lange, bis sich die Hauptfiguren herauskristallisieren. Zumal man sich Fachpersonal auf Vorrat hält. Stirbt jemand, holt man einfach den Nächsten aus dem Kälteschlaf. „Weck ihn auf!“, lautet die Parole. Diese Prozedere lässt die Crew-Konstellation noch eine Spur absurder erscheinen. Warum das quotenstarke C-Team am Start haben, wenn das Fachpersonal auf Abruf bereitsteht?

Auf Außenmissionen passieren so viele Fehler, als hätte es nicht einmal für den Klappentext des Missionshandbuchs gereicht. Visiere in fremder Atmosphäre geschlossen halten? Uncool! Früchte essen, die man nicht kennt? Lecker! Verdächtige Proben auf Viren untersuchen? Pffff! Wenn zwei Folgen später das zentrale Nervensystem wie an Fäden gezogen aus einem Kameraden herausbricht, mag sich die Unachtsamkeit in puncto Viren zwar gerächt haben. Wirkliche Konsequenzen bleiben aber aus. Das nächste Pröblemchen schneit schon um die Ecke und die Crew legt die gewohnte Tölpelhaftigkeit an den Tag.

Auch der Plot auf der Erde hat nervige Figuren

Papa und Tocher müssen in Another Life zuhause bleiben und die Aliens aus ihrem Schloss locken.

Nicht die komplette Handlung spielt sich an Bord der Salvare oder außerirdischen Planeten ab. Passenderweise ist Niko mit jenem Universalwissenschaftler verheiratet, der auf der Erde mit der Aliensonde den Kontakt sucht. Er probiert es mit Tierklängen, klassischer Musik und Spielereien aus dem Reich der Kryptografie. Manchmal reagiert der Alienturm mit Klängen und Farbenspielen. Manchmal passiert auch gar nichts. Bis sich die Pforten öffnen, vergeht viel Zeit. Nikos Gemahl muss sich nebenbei als alleinerziehender Vater durchschlagen. Töchterchen gefällt es natürlich gar nicht, dass Mama Monate lang durchs All braust und neue Missionsparameter dafür sorgen, dass sich der Einsatz deutlich in die Länge zieht.

Der Plot auf der Erde wäre gar nicht so schlecht erzählt, tummelten sich da nicht schon wieder nervige Nebencharaktere. Der Verteidigungsminister könnte von Donald Trump persönlich rekrutiert worden sein und die weibliche Admiralität wäre, führungsschwach wie sie ist, besser in einem Hörsaal aufgehoben. Dafür wartet das Erdpersonal noch mit einer perfekt gestylten Influencerin und ihren Abermillionen Followern auf, die für den Erstkontakt von entscheidender Wichtigkeit sein wird. Auch Nikos Tochter wird in den ganzen Schlamassel hineingezogen. Dabei sollten die Sicherheitsvorkehrungen an der Landungsstelle eigentlich verhindern, dass jeder Passant den Aliens Hallo sagt.

Die Serie gewinnt an Fahrt, nur viel zu spät

Über weite Strecken nimmt sich Another Life dem Problem der Woche an. Erst gegen Ende verdichten sich die Ereignisse. Als man eine weitere gelandete Aliensonde findet, nicht aber die Aliens selbst, und einen Abstecher zum Planeten macht, wird der Chefdiplomat von einem Alienwurm infiziert. Dieser übermannt den Menschen und stiftet ihn zu allerhand Bösem an. Erzählt wird das Ganze als Jekyll-und-Hyde-Komplex. Auch das ist nicht neu, bringt aber endlich die Geschichte voran. Ab hier verdichtet sich der Handlungsfaden und plötzlich erhalten auch die anderen Figuren ein bis dahin verschütt geglaubtes Profil. Schade, dass es so lange gedauert hat. Nach dem schwachen Auftakt dürften viele schon abgeschaltet haben.

Ein Alienwurm infiltriert das Schiff und die Crew ekelt sich.

Die Vergangenheit von Sackhoffs Figur lässt sie zuweilen wankelmütig handeln und das ein oder andere Mal zaudern. Zum Schluss hin überwindet sie ihren Konflikt. Weil er die Figur voranbringt, kann man großzügig drüber hinwegsehen, dass auch er schon einige Male erzählt wurde. Niko hadert, weil sie einst ihre Crew verloren hat und sich das nie verzeihen konnte.

Kate Sackhoff, die sich bei Battlestar Galactica noch von der Draufgängerin zur Erlöserin wandelte, transportiert diese Zerrissenheit leider nicht immer glaubwürdig. In der deutschen Fassung wird das nicht besser. Ihre aus Battlestar Galactica bekannte Sprecherin hätte den Konflikt sicher gut rübergebracht, kam nur leider nicht zum Zuge.

Die Idee, dass sich die Schiffs-KI der Crew als holografischer Kollege präsentiert, mag nicht von schlechten Eltern sein. Doch auch hier erfolgte wieder der Griff in die Mottenkiste. In dem Fall haben sich die Autoren die nächstbeste Menschwerdungsgeschichte an Land gezogen: William verliebt sich in Niko und dreht am Rad, als sie seine Liebe nicht erwidert.

Fortsetzung wegen schlechter Kritik wohl fraglich

In puncto Aliens gibt es tatsächlich ein paar interessante, wenn nicht ganz unvorhersehbare Wendungen. Wie gesagt, als sich die Geschichte endlich entfaltet, macht Another Life manches besser. Die Show mündet in einen Riesencliffhanger, nach dem man auch als nicht ganz abgeholter Zuschauer gerne wüsste, wie es weitergeht. Die Bestellung der zweiten Staffel lässt derzeit aber noch auf sich warten. Zieht man die Reaktionen von Kritikern und Publikum heran, sollte man nicht darauf wetten, dass es weitergeht: Weder auf Rotten Tomatoes noch der IMDB reicht es für eine akzeptable Bewertung. Die Serie nimmt gerade so die 50-Prozent-Hürde.

Serienfutter gibt es heute reichlich. Wenn der Zuschauer nicht sofort anbeißt, wandert er direkt zum nächsten Format. Um davon die Ausnahme zu bilden, müsste Another Life schon Teil eines größeren Franchise sein. Dort bleiben Zuschauer auch wegen der Zusammenhänge und verzeihen beklagenswerte Ausreißer. Doch dazu fehlt Another Life als einsamer Wolf die nötige Strahlkraft. Sackhoffs Wirken könnte allenfalls noch den ein oder anderen Galactica-Fan mobilisieren. Charaktere und Plot dürften Zuschauer, die Ronald D. Moores Erzählstandard gewohnt sind, allerdings verstört zurücklassen.

Another Life in der Kritik: Fazit

Vermutlich haben die meisten Zuschauer schon nach den ersten Folgen aufgegeben, was man verstehen, aber mit etwas Hassliebe auch schade finden kann. Wer als Science-Fiction-Fan in den Sommerferien nicht weiß, wohin mit seiner Zeit, den wird Another Life möglicherweise unterhalten. Man sollte aber schon Freude am Lästern haben, um die ersten Folgen zu überstehen.

Ansonsten lässt man besser die Finger von der Serie. Platte Figuren, auserzählte Plots, zahlreiche Klischees und eine Geschichte, die viel zu spät in Fahrt kommt. Das werden sich im Zeitalter von The Expanse und all den anderen Hochkarätern viele nicht mehr geben wollen. Angesichts ihrer durchwachsenen Performance kann man auch Katee Sackhoff nicht als wirklichen Pluspunkt verbuchen.

Zusätzliche Bildnachweise: Netflix

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